Gegen sexualisierte Gewalt: So reagiert die Uni Freiburg auf hunderte Missbrauchsfälle

Nachdem ein Studienberater Anfang März wegen hunderter privater Videoaufnahmen von Studentinnen und Kolleginnen verurteilt wurde, strengt die Leitung der Universität Freiburg einen Aufarbeitungprozess an. Die Kollegschaft äußert Kritik wegen fehlender Unterstützung für Betroffene.

Im Zuge des wohl größten Skandals von sexualisierter Gewalt gegen Frauen in der Geschichte der Universität Freiburg hat die Uni-Leitung umfangreiche Maßnahmen zur Prävention und zur Aufarbeitung des Falls angekündigt. So sollen Räumlichkeiten künftig verstärkt auf versteckte Kameras durchsucht, Universitätsmitglieder zu Diskriminierungserfahrungen befragt und interne Workshops zu den Themen diskriminierungssensible und geschlechtergerechte Universitätskultur durchgeführt werden. Zugleich kritisieren Mitarbeitende die Uni-Leitung für die mangelhafte Unterstützungsbereitschaft.

Viele Betroffene berichten davon, dass ihnen nicht die gewünschte Unterstützung seitens der Universität entgegen gekommen sei. Die offenbar schleppende interne Kommunikation habe dafür gesorgt, dass der Fall zu spät ins Licht der Öffentlichkeit gedrungen sei, heißt es in einer Mitteilung der Kollegschaft des Service Centers, in dem der Täter gearbeitet hat. Neben den Geschädigten gebe es viele Kolleginnen, die sich fragen, ob oder inwieweit sie auch betroffen sind.

Weiter heißt es: „Zugleich hätten wir uns als Einrichtung eine klarere und unterstützendere Informationspolitik sowie ein entsprechendes Krisenmanagement seitens der Universitätsleitung und der Ermittlungsbehörden gewünscht – insbesondere solche, die die berechtigten Informationsinteressen von Mitarbeitenden und Studierenden stärker berücksichtigen.“

Neben den vor Gericht verhandelten Fällen gibt es eine beträchtliche Dunkelziffer – neben jenen Fällen, die in der Zwischenzeit verjährt sind. Gerüchte und Vermutungen über versteckte Aufnahmen auf dem Uni-Gelände habe es schon länger gegeben.

Rückblick

Das Amtsgericht Freiburg verurteilte am 9. März den 57-jährigen Michael W. zu einem Jahr und neun Monaten auf Bewährung, weil dieser seit 2009 über 800 Frauen unter anderem auf dem Uni-Gelände und in seiner primär an Erstsemesterinnen vermieteten Wohnung mittels versteckter Kameras in intimsten Situationen gefilmt hat. Die Staatsanwaltschaft hatte zweieinhalb Jahre Haft ohne Bewährung gefordert.

Der Täter war in seiner Funktion als Mitarbeiter des Service Centers dafür zuständig, die Studierenden zu sämtlichen Fragen rund um ihr Studium zu beraten und zu unterstützen.

Die Universität gibt an, erstmals von den Ermittlungen gegen Michael W. im Zuge einer polizeilichen Durchsuchung auf dem Campus im Februar 2024 erfahren zu haben, woraufhin W. fristlos gekündigt wurde. Weiter heißt es, dass ihr erst am Tag des Urteils am 9. März bestätigt worden sei, dass der Täter auch auf dem Uni-Gelände heimliche Aufnahmen beispielsweise in Toilettenräumen anfertigte.

Nach dem Urteil kündigte die Staatsanwaltschaft an, in Berufung zu gehen. Aufgrund vieler Anfragen von potenziell Betroffenen habe die Polizei mitgeteilt, eine erneute Auswertung der Vudeoaufnahmen vorzunehmen, teilte Rektorin Kerstin Krieglstein mit. Personen, die überprüfen lassen möchten, ob sie betroffen sind, könnten dies über die Polizei tun.

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