Rehbraune Augen, blinde Flecken: Der Sexismus-Eklat um Manuel Hagel

Ein altes Video von CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel sorgt für Empörung und eine hitzige Debatte über Sexismus im Wahlkampf. Eine Analyse zeigt, warum dieser Vorfall weit über einen Einzelfall hinausgeht.

Am 23. Februar veröffentlichte die Grünen-Bundestagsabgeordnete Zoe Mayer ein Video aus dem Jahr 2018, in dem der baden-württembergische CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel von einem Schulbesuch berichtet. Hagel ist zu Gast bei dem Interview-Format „Auf ein Bier mit“ des Senders RegioTV.

„Eine Klasse, 80 Prozent Mädchen. Also da gibt es für einen 29-jährigen Abgeordneten schlimmere Termine als diesen“, grinste er, bevor er über eine Schülerin sehr spezifisch berichtete: „Dann begann, und ich werde es nie vergessen, die erste Frage. Sie hieß Eva. Braune Haare, rehbraune Augen. Ich sag’ keinen Nachnamen dazu.“

Der Moderator Marcel Wagner, damals 35, kommentiert: „Die wird jetzt rot zuhause, wenn die das sieht, gerade hier.“ Die Abgeordnete Mayer hinterfragt, weshalb denn der Besuch einer Klasse mit maximal 16-Jährigen ein besonders schöner Termin für Hagel sei, und weshalb das Aussehen der Schülerin von so großer Relevanz sei.

Warum ging Hagel überhaupt darauf ein? Was würde es jungen Mädchen vermitteln, die sich politisch engagieren wollen? Diese Aussagen sind bezeichnend. Nicht nur, weil Minderjährige sexualisiert werden, sondern weil deutlich wird, dass Frauen und Mädchen in der Politik nicht ernst genommen werden.

„Rehbraune Augen“: Sexismus-Vorwürfe gegen Manuel Hagel

Als ein AfD-Abgeordneter den Post bei der Sendung Die Debatte aufgriff, fragte er den Grünen-Abgeordneten und Spitzenkandidaten Cem Özdemir, ob eine Zusammenarbeit mit der CDU denn trotz dessen möglich sei. Dieser nahm Hagel daraufhin in Schutz.

„Ich bin mir sicher, Herr Hagel würde das heute nicht mehr so formulieren“, so Özdemir. Und weiter: „Im Übrigen sind wir uns, glaube ich, einig, dass man Frauen so beurteilen sollte, wie man Männer beurteilt: nach ihrer Leistung, nach nichts anderem. So wollen wir Männer auch beurteilt werden.“ Gelebte Männersolidarität.

So ist Hagel jetzt laut seinem Konkurrenten entschuldigt, da seine Aussage zu einer Minderjährigen nicht seine Leistung reflektiert. Es sei sogar nicht angebracht, das Video anzusprechen, da man „anständig und fair miteinander umgehen“ sollte. Soll man Hagel also nicht wegen dieser Aussage kritisieren?

Schmutziges Match: Die Union keilt zurück

Währenddessen wirft die Union den Grünen eine schmutzige Kampagne vor. CDU-Politiker Thomas Strobl sagte: „Das ist eine Kampagne wirklich aus der untersten Schublade.“ Noch kritischer als Strobl äußerte sich der Landesvorsitzende der Jungen Union, Florian Hummel: „Wer soll es bitte schön glauben, dass der grüne Spitzenkandidat Cem Özdemir, der sich so gerne bürgerlich geriert, von dieser Kampagne nichts wusste?“ Özdemir betonte mehrfach, nichts von der Veröffentlichung des Clips gewusst zu haben.

Eine Sprecherin Özdemirs reagierte auf Nachfrage von t-online auf den Vorwurf, Özdemir und Mayer hätten sich kurz vor Veröffentlichung des Videos getroffen: „Cem Özdemir war im Rahmen seiner Wahlkampftour am 21. Februar bei einer öffentlichen Wahlveranstaltung in Karlsruhe, an der auch Zoe Mayer teilgenommen hat.“ Es habe kein gesondertes persönliches Treffen der beiden gegeben. „Das Video war kein Thema“, so die Sprecherin.

Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg am Sonntag läuft es auf ein knappes Rennen zwischen CDU und Grünen hinaus. Özdemirs Grüne haben in jüngsten Umfragen deutlich aufgeholt und liegen je nach Umfrage nur ein bis drei Prozentpunkte hinter der CDU.

Laut einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur sagten 47 Prozent der Befragten, die von dem Video gehört hatten, dass es ihr Bild von Hagel eher verschlechtere. Aber: Etwa jede:r Zehnte (13 Prozent) hat demzufolge nun sogar ein positiveres Bild von Hagel. 38 Prozent erklärten, ihre Einschätzung habe sich dadurch kaum verändert.

Systemfrage: Objektifizierung als Programm

In dieser Instanz wird wieder einmal deutlich, wie ernst unsere „Repräsentanten“ junge Frauen nehmen. Sind das Bemerkenswerteste an der interessierten Schülerin nun tatsächlich ihre Haare und Augen gewesen? Und war Hagels objektifizierende, patriarchale Aussage tatsächlich so harmlos, wie er und Özdemir es behaupten? Man sieht wiederholt, dass, wenn patriarchales Verhalten überhaupt angesprochen wird, es der rassistischen Hetze und der Spaltung der Klasse dient.

„Der deutsche Staat und insbesondere Merz standen im Kampf gegen patriarchale Gewalt noch nie auf unserer Seite – war er es doch, der noch im letzten Jahr gegen das Selbstbestimmungsrecht von Frauen eintrat und behauptete, das Thema ‚Schwangerschaftsabbrüche‘ würde die Gesellschaft spalten“, kommentierte Tabea Karlo von Perspektive Online im Oktober Merz‘ Aussage über das „Stadtbild“.

Währenddessen sind es Abgeordnete im Parlament, die so über Frauen und Mädchen schwärmen. In Fällen von sexualisierten Anmerkungen und Gewalt zeichnet sich die Klassenjustiz ganz klar aus. Sei es Hagel, der in Schutz genommen wird, nachdem er über eine Realschülerin abgeschwärmt hat, oder die Täter der Epstein-Files, die keine Konsequenzen erfahren haben.

Das verdeutlicht die Tatsache, dass auf den bürgerlichen Staat und seine Abgeordneten kein Verlass ist. Wir Frauen dürfen nicht darauf hoffen, gehört zu werden, von den Trägern eines Systems, die von unserer Unterdrückung und unserer Ausbeutung profitieren. Nur vereint, mit Frauensolidarität und Widerstand gegen eben diese Stellvertreter des Systems wie Hagel und Özdemir, werden wir uns und unsere Körper verteidigen können.

Zuerst veröffentlicht auf Perspektive Online (CC BY-NC-SA 4.0, edited)

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